Der abstinente Arbeiter 1930

„Alkohol, ist der Sanitäter in der Not!“, singt Herbert Grönemeyer. Flatrateparties als neue Jugendkultur ließ die Zahl der Alkohlvergiftungen steigen.  So kann es nicht sein, tönt es aus dem deutschen Süden.  Seit 1. März 2010 gilt das Verkaufsverbot von Alkohol nach 22.00 Uhr an Tankstellen, Kiosken und Supermärkten in Baden-Würtemberg. Eingeführt vor allem zum Schutz Jugendlicher, zur Unterbindung von nächtlichen Trinkgelagen und deren Folgen. Offenbar ein ewig aktuelles Thema.Organ des Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes

Passend dazu entdeckte ich gestern im Nachlass von Lina Heil, einer Bürgerin der Neustadt, eine Zeitung: „Der abstinente Arbeiter„, aus dem Jahr 1930 im Archiv. Zuerst assoziierte ich damit, abstinent von Arbeit. ‚Ein eigenes Medium allein dafür, sich von Arbeit fernzuhalten?‘ Mitten im Kneipenviertel sitzend vielleicht auch nahe liegend. Unwahrscheinlich. Ich mußte über mich selbst lachen, als ich erkannte, es handelt sich dabei um das „Organ des Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes„.

Ziel dieses Vereins war es, die Einführung des Sozialismus dadurch zu erreichen, dass der Arbeiter sich vom Alkohl fern hält.

Diese Ausgabe lobpreist 10 Jahre Prohibition in den USA und die damit einher gehenden sinkenden Zahlen von Alkohlvergiftungen. Als Hauptnutznießer der „Trockenlegung“ werden die Kinder angegeben. So sind die alkohlbedingten Straftaten bei Jugendlichen um 28% gesunken.

Beklagt wird dagegen die mangelnde Erziehung führender Genossen. So landet Brolat,  ein Spitzenfunktionär der sozialistischen Bewegung vor dem Berliner Landgericht. Der „Klassenkampf“ titelt: „Wasserspühlung-dass ist ja nur noch in den hinterkünftigsten Proletarierhäusern was Unbekanntes, aber die Alkoholspühlung ist zweifellos neueren Datums. Genosse Brolat darf sich rühmen, diese erfunden zu haben.“ Auf die Frage des Gerichts, wo er seinen Trinkkumpanen Sklarek kennen gelernt habe und warum er trinke, antwortete er: „Am Biertisch im Lindenrestaurant. In meiner Tätigkeit bei einer Brennstoffgesellschaft war ich derart überlastet, dass ich mir manchmal, um meinen Ärger herunterzuspühlen, ordentlich „eenen anzukoofen begann“.

Weitere Artikel beschreiben die Obstbrennerei als vollkommene Obstzerstörung und die Jugenderziehung ohne Alkohol, mithilfe der organisierten Arbeiterjugend.

Bleibt abzuwarten, welche Erfolge sich „im Ländle“ einstellen. 😉

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