Neustadt-Wehmut.

Was ist eigentlich so reizvoll an der Neustadt und warum wollen vor allem viele der angehenden Studenten und Künstler in Dresden in diesen hippen Stadtteil ziehen? Im Rahmen meines Praktikums kam ich endlich in die Verlegenheit, die Neustadt ausgiebig zu erkundigen und Ecken zu finden, von denen ich nichts hätte ahnen können.

Ich als Dorfkind war schon von der Großstadt Dresden begeistert, als ich sie mit 15 das erste Mal gesehen habe. Damals besuchten wir die Landeshauptstadt nämlich im Rahmen unserer Klassenfahrt in der 9. Jahrgangsstufe. Wie typische (wenn auch desinteressierte, junge und dumme) Touristen strömten wir durch die Strassen der Altstadt und ließen uns von den architektonischen Barockschätzen Dresdens begeistern. Jedenfalls war ich begeistert. Schon in jungen Jahren interessierte ich mich für die Architektur der Gotik und Renaissance und da bot natürlich das Städtchen in Sachsen einen unerschöpflichen Fundus an Gebäuden und Kirchen, an denen ich mich kaum satt sehen konnte.

Was ich allerdings erst nach meiner studienbedingten Umsiedlung bemerkte, war, dass Dresden noch viel mehr zu bieten hat. Neben den eindrucksvollen Bauwerken rund um Zwinger und Frauenkirche gibt es nördlich der Elbe gleichwertige Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Wenn man die Alaun- oder die Louisenstrasse entlang schlendert, offenbart sich das typische Neustadtflair. Hoch ragen die Häuserfassaden über den (vor allem in den Nachtstunden) gefüllten Straßen, kaum ein Zentimeter der steinernen Flächen bleibt von Grafiti und Plakatierung verschont. Sicher ist der künstlerische Wert einiger dieser Werke von fragwürdiger Natur, aber dennoch kann man sich die Neustadt heute kaum ohne diese bunten Tupfer vorstellen, die die grauen Strassenzüge schmücken, die eintönige Tristesse unterbrechen und belebtes Ambiente schaffen. Die Sachsen gelten als freundliches, aufgeschlossenes Völkchen. Doch kommt man das erste Mal in die Neustadt, so kann man schon einmal vor der überschwänglichen Sympathie der Bewohner zurückschrecken. Es ist schwer, sich Fremden zu öffnen, Gemütlichkeit mit Menschen zuzulassen, die man eigentlich gar nicht kennt, aber schon nach ein paar Minuten, einem Schluck Kaffee und einer geteilten Zigarette schwappt es über – das Gefühl der neustädter Herzlichkeit. Als jährlicher Meilenstein gilt häufig die BRN, das Stadtteilfest, das nicht simplifiziert als Stadtteilfest bezeichnet werden will. Die Bunte Republik ist laut und bunt und man kommt zusammen, spaßt und lacht, geht Hand in Hand durch die dicht gedrängten Straßen, doch ebenso verlässt man den Hort der Freuden und der Ausgelassenheit zusammen, schafft gemeinsam Ordnung und hilft sich aus. Die Ruhe nach dem Sturm, so könnte man vielleicht die Tage nach der BRN bezeichnen. Es ist wieder ruhig und gesittet, harmonisch, aber niemals langweilig. Und so kann es passieren, dass man eines späten Nachmittags oder frühen Abends in einem der zahlreichen Hinterhöfe sitzt, der Sonne beim Sinken hinter die hohen Schieferdächer zuschaut und Vögel in den Bäumen zwitschern hört. Neustadtflair wird zu Neustadtidyll.

Die Neustadt ist doch selbst nur ein großes Dorf. Und so langsam glaube ich, dass ich mich mit Stadtteil und Menschen hier anfreunden kann.

Franzi

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